
Quelle Foto: Numero Tokyo
Die letzten Tage hallt eine Schockwelle durch die K-Pop Welt. Aber HALT: Dieser Artikel ist nicht nur für Fans des Genres gewidmet – sondern allen, die sich mit Pop- und Fankultur auseinandersetzen. Denn was gerade in Südkorea passiert, könnte riesige Konsequenzen mit sich ziehen.
Vermutlich sind euch allen einige Extreme in der Fankultur bekannt, nicht zuletzt der Umgang einiger “Fans” mit Chappell Roan – und ihre Reaktion darauf: “Euer Interesse darf nicht meine Privatsphäre verletzen. […] Würdet ihr eine beliebige Frau auf der Straße genauso behandeln wie mich? Würdet ihr sie anschreien oder ihre Familie stalken?” sagt sie auf Tiktok Mitte August – und sie bekommt auch von anderen Artists Zustimmung.
Auch im K-Pop gibt es ähnliche Extreme, in denen Menschen jegliche Grenzen überschritten haben.
Die Gruppe RIIZE (“Rise & Realize”) feierte erst letztes Jahr am 4. September ihr Debüt, doch bereits kurz davor gab es ein Foto-Leak vom damals 19 Jahre alten Mitglied Seunghan – welche durch einen seiner Bekannten von seinem privaten Instagram Account geleaked wurden. Diese Fotos zeigten ihn, wie er seine damalige Freundin küsst, außerdem wurde er beim Zigarette Rauchen erwischt. Und nur diese beiden Vorfälle sorgten (nicht ausschließlich, aber besonders) in Südkoreas eher konservativer Kultur bereits für Kontroversen. Im November 2023 folgte von Label SM Entertainment die Nachricht, dass Seunghan auf unbestimmte Zeit eine Pause machen würde:
Hallo, hier ist SM Entertainment. Dies ist eine Mitteilung bezüglich RIIZE-Mitglied Seunghan.
Seunghan tut es aufrichtig leid und er denkt über sich selbst nach, weil er nicht nur beim Team und den Mitgliedern, sondern auch bei den Fans Enttäuschung und Aufregung verursacht hat, weil Dinge aus seinem Privatleben geleaked worden sind und in letzter Zeit über soziale Medien und Online-Communitys verbreitet wurden.
Seunghan fühlt sich dafür verantwortlich und mental unter Druck gesetzt, also hat er nach reiflicher Überlegung seine Absicht bekannt gegeben, die Aktivitäten für das Team vorerst einzustellen.
Und ab dann waren die restlichen Mitglieder von RIIZE (Shotaro, Eunseok, Sungchan, Wonbin, Sohee, Anton) nur noch zu sechst unterwegs. Seunghan durfte nicht einmal mehr erwähnt werden, wurde aus sämtlichem bereits gefilmten Content rausgeschnitten, der erst danach erschien, und auch von Label-Seite gab es keinerlei Kommunikation mehr.
Monatelang gab es Fanprojekte zur Unterstützung von Seunghan, wie eine riesige Werbefläche in einer U-Bahn Haltestelle, Trucks mit LED-Screens auf der Straße vor dem Labelgebäude oder sogar ein “Birthday Café” an Seunghan’s Geburtstag dieses Jahr. Bei den meisten internationalen Konzerten gab es ebenfalls “RIIZE is seven!” -Rufe und Banner. Letztere wurden teilweise sogar verboten und bei den Einlasskontrollen abgenommen.


Die lang ersehnte Rückkehr?
Springen wir nun zu letztem Freitag, 11.10.2024, als das passiert ist, auf was die meisten RIIZE Fans seit November 2023 gewartet hatten: Seunghan’s Rückkehr wurde angekündigt! Ab November 2024 sollte er wieder bei den ersten Fanmeets und Konzerten dabei sein. Und nicht nur BRIIZE (wie die Fans von RIIZE genannt werden) feierten online die Rückkehr, auch von Fans anderer Gruppen gab es unfassbar viel Zuspruch. Und so erhielten innerhalb kürzester Zeit die Social Media Accounts von RIIZE eine Welle neuer Follower, die Songs auf Spotify bis zu 60% mehr Streams, und deutlich mehr monatliche Hörer:innen. Beim Konzert in Madrid einen Tag später riefen um die 30.000 Fans “RIIZE IS SEVEN!“.
Doch nicht alle freuten sich darüber. Die entrüsteten “Fans”, die bereits mit Auftauchen der Fotos im Jahr 2023 nicht allzu begeistert von Seunghan waren, schmiedeten Pläne. Und so kam es, dass bereits kurze Zeit später eine “Protestaktion” gestartet wurde: Während die aktiven Mitglieder der Gruppe gerade noch in Madrid waren, wurden vor dem Gebäude von SM Entertainment um die 1000 Grabgestecke mit Seunghan’s und RIIZE’s Namen von den “Fans” aufgestellt, die Seunghan loswerden wollten. Diese Gestecke sind in Südkorea bei Beerdigungen üblich, und eine absolut absurde und gefährliche Form von “Protest”.

Des weiteren drohten eben diese “Fans” damit, Seunghan so lange das Leben schwer zu machen bis er dieses selbst beenden würde – sollte SM ihn nicht wieder aus der Gruppe entfernen.
Noch am Tag davor hatte RIIZE Mitglied Wonbin eine lange Nachricht auf Weverse verfasst – nur Minuten vor dem Auftritt in Madrid – in dem er um Verständnis gebeten hatte:
“Wir haben wirklich lange viel mit Seunghan und dem Unternehmen gesprochen. Ich möchte, dass ihr wisst, dass die Mitglieder gemeinsam gründlich nachgedacht und nachgedacht und nachgedacht haben. Ich wollte immer alle BRIIZE glücklich machen, aber es tut mir leid, dass ich das nicht konnte … Es gibt kein RIIZE ohne BRIIZE. […] Daher denke ich, dass es eine große Hilfe wäre, wenn ihr uns weiterhin mit warmen Augen betrachtet und uns unterstützen würdet, wie ihr es bisher getan habt. Ich verspreche, dass ich weiterhin hart arbeiten werde, damit RIIZE in Zukunft der Stolz von BRIIZE werden kann.”
Quelle: RIIZE am 12.10.24 auf Weverse – Post wurde allerdings inzwischen von SM Entertainment gelöscht
Und obwohl SM Entertainment seit der Unternehmensgründung 1995 schon ein paar Mal in einer ähnlichen Situation war, haben sie nur wieder und wieder versagt, ihre eigenen Künstler:innen vor genau solchen Menschen und deren Drohungen zu beschützen.
Weiteres Versagen von SM Entertainment über die Jahre:
Schon im Jahr 2007 gab es Proteste, als Henry Lau als neues Mitglied der Gruppe Super Junior vorgestellt wurde: Über tausend Fans erschienen am 3. November 2007 zu einem Protest vor dem SM Entertainment Gebäude. Statt eines stillen Protests sangen die Fans verschiedene Super Junior-Lieder und riefen „dreizehn“ (so viele Mitglieder hatte die Gruppe vor Henry). Fans kauften sogar über 58.000 Aktien von SM Entertainment und hielten damit 0,3 % der gesamten Aktien des Unternehmens. Damit wollten sie SM daran hindern, neue Mitglieder aufzunehmen. SM gab später bekannt, dass sie Henry Lau nicht zur Gruppe hinzufügen würden.
Noch schlimmer ging es Sulli von f(x), die mit der Gruppe bereits vor zehn Jahren großen internationalen Erfolg hatte und 2013 schon beim South by Southwest (SXSW) Festival in den USA gespielt hatte. Aber schon ein Jahr später legte Sulli eine Pause ein, da sie laut SM Entertainment „körperlich und mental unter den bösartigen und unwahren Gerüchten, die über sie verbreitet wurden“ litt. Es gab Gerüchte, Sulli würde daten. Aber auch, dass sie schwanger sei. 2015 verließ sie die Gruppe, und wollte sich auf das Schauspielern konzentrieren.
In der darauf folgenden Zeit war sie unter anderem Moderatorin einer Talkshow, in der Celebrities offen über Hate Comments und Cyberbullying sprechen konnten. Auch Sulli selbst ging offen damit um, psychische Probleme zu haben, und sprach auch übers Daten – was vielen K-Pop Stars von Management-Seite aus verboten wird.
In der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 2019 nahm sich Sulli in ihrer Wohnung das Leben, nachdem sie von ihrer Beziehung erzählt hatte, und dies von der Südkoreanischen Gesellschaft nicht gut aufgenommen wurde. Ihre engen Freunde sprachen davon, dass sie vor ihrem Tod depressiv gewesen sei. Schon 2017 nahm sich Jonghyun von SHINee (ebenfalls unter SM Entertainment) das Leben, nach einem langen Kampf mit Depressionen.
Seitdem haben sich viele K-Pop Idole dafür ausgesprochen, dass die Stars in der Branche bessere Unterstützung brauchen – besonders, da sie extremem Druck ausgesetzt sind.
Und wie gehen SM mit Seunghan um?
Gerade mal 48 Stunden nach dem seine Rückkehr bekannt gegeben wurde, wurde das Statement wieder zurückgezogen – und sein offizieller Austritt aus RIIZE stand damit fest. Fans auf der ganzen Welt waren entsetzt, dass SM scheinbar auf ein paar wenige laute Anti-Fans gehört hatte, und sich ihrem Willen beugen wollten. Im Post auf der Seite von RIIZE hieß es in einer handschriftlichen Notiz von Seunghan:
„Nachdem ich gründlich darüber nachgedacht hatte, ob ich den Mitgliedern und dem Unternehmen zu viel Schaden zufüge und ob es wirklich in Ordnung ist, dass ich ein Mitglied von RIIZE bin, das geliebt werden sollte, war ich nur besorgt und entschuldigte mich. Daher denke ich, dass mein Austritt aus der Gruppe der richtige Weg für alle ist.
Ich möchte den Fans keinen weiteren Schmerz oder keine weitere Verwirrung zufügen, und ich möchte den Mitgliedern keinen weiteren Schaden zufügen, und ich möchte auch dem Unternehmen keinen weiteren Schaden zufügen. Ich möchte wirklich nicht, dass die Beziehung zwischen RIIZE und BRIIZE, die zusammengewachsen sind, während sie sich gegenseitig unterstützt haben, meinetwegen beschädigt wird. Es bricht mir auch das Herz, die Fans, für die es mehr als genug sein sollte, RIIZE einfach nur zu lieben, meinetwegen miteinander streiten zu sehen.“
Quelle: RIIZE auf Weverse
Schon ein zweites Mal musste sich Seunghan nun dafür entschuldigen, ein normales Teenager-Leben geführt zu haben, bevor er zum K-Pop Idol wurde. Schon ein zweites Mal schaffte SM Entertainment es nicht, Leute in Schranken zu weisen und Grenzen abzustecken.
Die Reaktionen auf Seunghans Austritt
Als Reaktion auf den Austritt von Seunghan haben viele Fans der Gruppe beschlossen, diese von nun an nicht mehr zu unterstützen – um SM Entertainment zu zeigen, dass sie Stellung zeigen müssen. Es folgen Hashtag Trends auf X, mit Millionen von Posts dazu. BRIIZE rufen dazu auf, allen offiziellen Social Media Accounts von RIIZE und SM zu entfolgen, keine Songs mehr zu streamen, kein Merchandise mehr zu kaufen. Und so verlieren RIIZE innerhalb kürzester Zeit ca. 400.000 Follower:innen auf verschiedensten Plattformen.
Und auch Fans von anderen Gruppen sind entsetzt über die Entscheidung, die SM Entertainment getroffen hatte – und wollen helfen, dem Thema Aufmerksamkeit zu geben:


Ebenso starten die Fans eine Petition mit dem Titel “We want Seunghan back! RIIZE is seven!”, die mittlerweile über 260.000 Unterschriften gesammelt hat.
“We won’t buy your goods” – K-Pop Stores auf der ganzen Welt boykottieren ebenfalls
Die größte Nachrichtenplattform in Korea NAVER berichtet darüber, wie inzwischen über 200 K-Pop Stores in 44 Ländern als Reaktion auf die Behandlung von Seunghan von nun an keine RIIZE Alben / keine Alben von Gruppen unter SM Entertainment mehr verkaufen würden.
Auch der größte deutsche K-Pop Store Nolae.de, der in ganz Europa K-Pop Artikel verkauft, zieht mit: “Bei Nolae stellen wir uns entschieden gegen jede Form von Mobbing und schädlichem Verhalten, einschließlich einer toxischen Fankultur. Wir glauben an die Förderung einer sicheren und unterstützenden Umgebung für alle Künstler und Fans gleichermaßen.”
Zuspruch von anderen Künstlern
Inzwischen kommt die Situation immer mehr ins Rollen, und auch andere große Künstler sprechen sich für Seunghan und RIIZE aus: Der 41 Jahre alte Leeteuk von Super Junior repostet am Dienstag auf X einen Post, der über Seunghan/RIIZE und Henry Lau/Super Junior spricht. Kurz danach wurde sein Repost allerdings wieder gelöscht.
Ebenso spricht Jae, ehemaliges Mitglied von Day6, und nimmt kein Blatt vor den Mund:
Und warum ist das Thema so wichtig?
Der Kampf um Seunghan und RIIZE ist noch so viel mehr als nur das. Es muss ein Zeichen gesetzt werden, dass SM Entertainment endlich anfängt, für seine Artists einzustehen und sie ordentlich zu beschützen. Denn jetzt, wo Fans gesehen haben, wie wenig Aufwand sie betreiben müssen um ihre Meinung durchzusetzen…
Das nächste Opfer war schnell gefunden: Kaum war Seunghan offiziell kein Mitglied von RIIZE mehr gab es auch schon Anti-Fans, die auf einmal Gründe dafür gefunden hatten, warum Sohee, Sungchan oder Eunseok auch kein RIIZE Mitglied mehr sein sollten.
Bei SHINee Anhängern wurden auf einmal Stimmen laut, Mitglied Onew gehöre nicht in die Gruppe und sollte doch auch gekickt werden. Einige BTS Fans haben beschlossen Suga sollte gehen, und planen gerade auch, an deren Label HYBE ebenfalls Grabgestecke zu schicken. Ein neuer X-User schreibt: “Dieser Account wurde nur erstellt um ein Gesteck-Projekt zu planen und Suga dazu zu bringen aus der Gruppe auszutreten.“
Und genau deshalb ist es so gefährlich von SM Entertainment, mit so einem schlechten Vorbild voranzugehen. Es kann nicht sein, dass im Jahr 2024 so etwas immer noch durchgeht. Deswegen hoffe ich sehr, dass ihr euch den Artikel bis hier hin durchgelesen habt, und ihn vielleicht auch teilt. Damit wir gemeinsam die Zukunft aller Celebrities etwas sicherer gestalten können. Zusammen.
Wie geht’s jetzt weiter?
Bereits letztes Jahr im Januar zeigte der LOONA-Boykott, dass diese Art des Protests durchaus erfolgreich sein kann. Internationale K-Pop Stores waren ebenfalls Teil des Boykotts und hatten angekündigt, das zu der Zeit neue LOONA Album nicht zu verkaufen. Die offiziellen Social Media Accounts verloren viele Follower, und schließlich lieferten sich die Mitglieder der Gruppe einen Rechtsstreit mit ihrem Label – den sie im Übrigen gewinnen konnten und über ein anderes Unternehmen noch einmal neu durchstarten konnten.
Wenn wir also weiterhin kollektiv und konsequent RIIZE und andere SM Gruppen boykottieren, können wir hoffentlich etwas bewegen.
Hanni von NewJeans vor dem Arbeitsausschuss in Südkorea
Die Situation mit Seunghan und RIIZE ist nur ein Beispiel, das die K-Pop-Welt gerade bewegt: Gerade erst wurde bekannt, dass Label HYBE seit September 2022 angeblich den Tod eines Mitarbeiters durch Überarbeitung vertuscht haben sollen. Unter Label HYBE sind auch Gruppe NewJeans, deren Mitglied Hanni erst gestern bei einer Anhörung vor dem Arbeitsausschuss der Nationalversammlung in Südkorea gesprochen hat, über ihre und NewJeans Erfahrungen mit Workplace Harassment und Mobbing – durch HYBE selbst. Als sie über die Rechte von Arbeitern im Unternehmen sprachen, rutschte der CEO der HYBE Subgroup ADOR der Satz “Artists are not considered workers” aus dem Mund. (“Künstler gelten nicht als Arbeiter”)
Meiner Meinung nach sollte es schon längst eine Vereinigung von K-Pop Idolen auch über verschiedene Labels und Altersgruppen hinweg geben, damit diese sich miteinander und füreinander einsetzen können – für zum Beispiel genau solche Fälle von schlechter Behandlung von Management-/Label-Seite aus.
Kleiner, aber wichtiger Hinweis am Ende:
Dieser Artikel ist nur dafür da, um aufzuklären, was in Südkorea und auch auf der ganzen Welt im Bezug zu K-Pop gerade passiert. Der Artikel ist NICHT dafür da, um irgendwelche rassistischen or sexistischen Kommentare zu fördern oder zu unterstützen. Also bleibt respektvoll.
Quellen:
https://stylecaster.com/entertainment/music/1234720479/why-seunghan-leave-riize/
https://www.republicworld.com/world-news/what-happened-to-sulli
https://www.bbc.com/news/world-asia-50051575
https://n.news.naver.com/article/277/0005485207?sid=102
https://www.kpopwise.com/2024/10/k-pop-stores-globally-boycott-riize.html

[…] auch die Lyrics haben es in sich. Besonders wenn man die Geschichte um Seunghan kennt, und weiß wie er von “Fans” aus seiner ehemaligen Gruppe gemobbt wurde, sind die […]
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